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Irak: “Für viele Frauen ist die Quarantäne schon lange Lebensrealität”

Ursprünglich erschienen auf Solidarisch gegen Corona

Im Oktober 2019 brachen im Irak landesweit Proteste aus, die rasch in Platzbesetzungen u.a. in Bagdad, al Nasiriya, al Basra und Nadschaf City übergingen und die nach wie vor bestehen. Die Protestierenden fordern die Säkularisierung des konfessionalistischen Systems im Irak und bessere Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Sie erzwangen unmittelbar den Rücktritt des Ministerpräsidenten Adel Abdel Mahdi im November 2019. Der Irak befindet sich seither in einer offenen politischen Krise, die sich in zwei Richtungen ausdrückt: Auf die Platzbesetzungen und Demonstrationen reagierte die Regierung bislang mit gewaltsamen Repressionen, der bereits mehr als 600 Menschen zum Opfer gefallen sind. Gleichzeitig ließ sich ein Machtkampf um den Posten des Premierministers – ihm obliegt die Neubildung der Regierung – beobachten, der sich durch zahlreiche Nominierungen für diesen Posten kennzeichnete. Flankiert wird diese politische von einer ökonomischen Krise, die sich unter dem Lockdown in der COVID19-Pandemie im Verfall des Ölpreises derzeit zugespitzt. Die Ausgangssperre, die die irakische Regierung Ende März verhängen ließ, führte gleichzeitig zu einer dramatischen Zuspitzung der sozialen Verhältnisse im Irak: Ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem der jüngeren Generationen, ist arbeitslos, oder befindet sich in prekären Arbeitsverhältnissen, als TagelöhnerInnen, die von der Hand in den Mund leben müssen. Da es kaum sozialstaatliche Sicherungssysteme im Irak gibt, wie eine Arbeitslosenversicherung oder Ausgleichszahlungen, müssen sich die Prekarisierten nun zwischen dem Hungern daheim und der Infektionsgefahr am Arbeitsplatz entscheiden. Für viele Frauen im Irak bedeutet die Ausgangssperre wiederum, dass sie den ganzen Tag mit ihren Ehemännern und oft auch dessen Familie Zuhause eingesperrt sind. Femizide und häusliche Gewalt nehmen, wie in vielen Ländern weltweit, auch im Irak drastisch zu.

Mit Sarah Quadir führten wir im April ein Gespräch über die derzeitige Situation im Irak unter der Pandemie und den Ausgangsbeschränkungen. Sarah ist Mitglied der Workers against Sectarianism und seit dem Beginn der „Oktoberrevolution“ 2019 auf dem al-Tahrir-Platz in Bagdad unterwegs. Wir sprachen mit ihr nicht nur darüber, wie sich der Lockdown auf die Platzbesetzungen und den politischen Protest auswirkte. Im Fokus unseres Gesprächs stand auch, welche Erfahrungen sie als feministische Aktivistin in dem Protest bisher gemacht hat. Eine der Besonderheiten daran ist, dass viele Frauen an vorderster Stelle die Besetzungen und Revolte tragen. Gleichwohl geht es in dem Gespräch um eine feministische Perspektive auf die Ausgangssperre, bei der Sarah darauf verweist: „Für viele Frauen im Irak ist die Quarantäne schon lange Lebensrealität“.

Die Workers against Sectarianism informieren laufend via facebook, Twitter und einen Telegram-Kanal (siehe fb) über die aktuellen Entwicklungen im Irak.

Update: Am 07. Mai 2020 wurde Mustafa al-Kadhimi zum Ministerpräsidenten ernannt und derzeit bildet sich eine neue Regierung im Irak. Kadhimi ließ am selben Tag seiner Ernennung verlauten, die in den letzten Monaten inhaftierten politischen Protestierenden wieder freizulassen. Am Sonntag, 10. Mai, gingen unter anderem in Bagdad und Wasra-City wieder Tausende auf die Straße, um gegen das konfessionalistische System im Irak als Ganzes zu demonstrieren – ein neuer Premierminister reicht ihnen nicht. Es folgten über den ganzen Tag Sit-Ins und Versuche, über die Brücke al Gomhorya die Greenzone in Bagdad anzugreifen, wie auch gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Riot-Police, die die Protestierenden angreift.

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1. Noch vor wenigen Wochen hattet ihr auf dem al-Tahrir-Platz über 1500 Zelte stehen und euch dort seit Oktober 2019, seit Beginn der Proteste also einen Alltag des Widerstands aufgebaut: Mit einer eigenen Infrastruktur, einem Krankenhaus, einer Schule, kleinen Bibliotheken und Lese- und Diskussionskreisen. Ende März kam dann der Lockdown der irakischen Regierung. Was bedeutet dieser Lockdown für euch und euren Protest? Wie ist nun die Lage auf dem al-Tahrir-Platz? Sind BesetzerInnen noch vor Ort?

Die Protestierenden haben im Zuge des Lockdowns beschlossen, dass noch ca. 20 Prozent vor Ort bleiben. Der Rest ist nach Hause gegangen, um sich vor dem Virus zu schützen. Diese 20 Prozent an BesetzerInnen halten unseren Platz. Sie kümmern sich darum, dass die Zelte regelmäßig desinfiziert werden und bleiben sonst auch den ganzen Tag in den Zelten. Es ist natürlich etwas trübe auf dem Platz geworden, generell unter der Ausgangssperre. Die Protestierenden versuchen schließlich eher, die Leute dazu zu bringen, zu Hause zu bleiben, um nicht einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgeliefert zu sein. Mir scheint es so, als hätte die Ausgangssperre das sektiererische System vor der Revolution gerettet. Die Regierenden haben nun den Vorteil, mehr Kontrolle über die Straßen ausüben und die Greenzone besser verteidigen zu können. So als ob die Ausgangssperre und das Corona-Virus etwas ist, was sie vor der Revolution eben bewahrt hat. Und trotzdem sind wir noch auf dem Platz und es ist ja auch nach wie vor so, dass die Forderungen der Protestierenden nicht erfüllt wurden und die neuen Ministerpräsidenten auch weiterhin abgelehnt werden. Wir sind immerhin auf die Straße gegangen für ein neues System, eine neue Zukunft. Diese unzähligen Nominierungen von Politikern als Minister dienen eigentlich nur der Ablenkung der Protestierenden, weil sie darüber ihre erste Forderung vergessen sollen: das System im Irak radikal zu ändern. Allerdings wird viel dafür mobilisiert, nach dem Lockdown und der Ausgangssperre den Protest weiter fortzusetzen. Wir gehen davon aus, dass es wieder ein großer Protest sein wird.

2. In al Nasiriya im Südirak ist die Polizei in den letzten Wochen mehrfach gewalttätig gegen die PlatzbesetzerInnen vorgegangen. Kannst du erzählen, was dort passiert ist? Und wie sieht es bei den Platzbesetzungen in anderen irakischen Städten aus?

Nennen wir sie lieber „Sicherheitskräfte“, denn es ist nicht nur die Polizei: Es sind genauso die Armee und die Milizen, die Gewalt gegen die Menschen und Protestierenden ausüben. Diese Sicherheitskräfte also sind in mehreren Städten äußerst brutal gegen die Proteste vorgegangen, nicht nur in Nasiriya. Dort haben sie beispielsweise die Zelte auf dem Platz abgebrannt. Sie haben aber auch mit scharfer Munition auf Protestierende geschossen, sie mit Messern in der Nacht abgestochen, einige AktivistInnen gekidnappt. Es gab in Nasiriya auf dem Platz z.B. eine Aktivistin, sie wurde Om Haider genannt [Mutter von Haider – Der richtige Name der Aktivistin ist unbekannt. A.d.Ü.]. Bei ihr war es so, dass einen Monat, bevor sie umgebracht wurde, da wurde sie in den sozialen Medien und auf facebook gestalkt, gemobbt, bedroht, und es wurde versucht, ihren Ruf zu ruinieren. Sobald sie konnten, haben sie sie schließlich umgebracht, denn sie führte den Protest in Nasiriya gegen das sektiererische, konfessionalistische System an und hat sich den Mund nicht verbieten lassen, um gegen ihre Mörder anzugehen. Es wurden viele AktivistInnen ermordet. Auch ein Freund von mir wurde bedroht und verängstigt, weil er ein Aktivist und zudem Atheist ist. Diese Drohungen kamen von unterschiedlichen „Sicherheitskräften“: von den Milizen, von wichtigen Offizieren, von der Polizei manchmal. Betroffen war nicht nur er und seine Familie von den Androhungen, sondern auch seine Freunde. Du kannst dir vorstellen, was das für ein Druck ist. Er geht schon eine Weile nicht mehr aus dem Haus und auch nicht mehr zum al-Tharir-Platz, weil er nicht nur um sich, sondern auch um seine Familie, seine Freunde, eigentlich sein ganzes soziales Umfeld fürchten muss. Ähnliches ist überall im Irak passiert, in Nadschaf City, in Babylon, in Basra und Bagdad.

3. Das Besondere an eurem Protest ist unter anderem, dass sich vorrangig Frauen daran beteiligen und an vorderster Stelle politisch engagieren. Was ist deine Erfahrung als feministische Frau in diesem Protest? Wie gestaltete sich für die Frauen unter den BesetzerInnen die Situation auf den besetzten Plätzen? Was sind eure Forderungen?

Diese Revolution hat erstmal gezeigt, dass es im Irak viele Frauen gibt, die politisch und intellektuell sind, die den Mut haben, ihre Rechte einzufordern. Viele Frauen sind auf die Straße gegangen und haben die Revolution mitgemacht – auch gegen das herkömmliche Bild vom Irak und der bisherigen Protestkultur. Und es ist vielen Frauen, die nur wenig Freiheiten haben, auch dabei gelungen, ihre Familien von der Wichtigkeit des Protests zu überzeugen. Sie konnten es ihren Familien verständlich machen, sodass sie recht frei partizipieren können. Dieser Protest ist wichtig für alle. Unsere Forderungen sind demnach natürlich sehr umfänglich. Unter anderem fordern wir das Ende der Frühehe, und wir sind gegen jede Art von Stammestradition. Zudem wollen wir eine Änderung des Scheidungsgesetzes, das derzeit dem Vater die Kinder nach einer Trennung automatisch übergibt. Wir wollen also, dass die Mütter als mindestens gleichberechtigtes Elternteil anerkannt werden. Schließlich ist es für uns wichtig, gegen traditionelle und konservative Familien vorzugehen, die ihre Frauen davon abhalten, sich frei zu bewegen und auch frei – nicht nur aus unbedingt notwendigen Gründen – das Haus zu verlassen. In dieser Hinsicht leben Frauen im Irak schon länger in Quarantäne, als es die Corona-Pandemie und die Ausgangssperre gibt.

Auf den Plätzen waren bzw. sind nicht nur dezidiert politische Aktivistinnen, sondern auch Frauen, die zuvor mit Politik nichts zu tun hatten. Und es gibt auch viele Frauen, die die Revolution unterstützen durch Kochen, medizinische Versorgung und Reinigungsarbeiten, oder Logistik. Sie sind nicht Teil der politischen Bewegung in dem Sinne, supporten uns aber durch solche Arbeiten. Man kann also davon sprechen, dass es eigentlich drei Sektionen unter den Frauen gibt: die politischen Aktivistinnen, die auch schon vorher organisiert waren, die an der Frontlinie sind, die Kämpfe gegen die staatliche Repression dort direkt führen, die Statements und Forderungen herausgeben. Die zweite „Gruppe“, wenn man so will, sind Frauen, die eben keinen politischen Hintergrund hatten, aber politisch an dem Protest teilnehmen; die dritte jene Frauen, die nicht direkt politisch partizipieren, aber unterstützen.

4. Das klingt nach einer tendenziellen Trennung unter den Frauen – wie schätzt du das ein, wie seid ihr damit umgegangen?

Ja, es gibt diese Tendenz zur Trennung ein wenig und das ist ein Problem. Diese Unterschiede rühren vor allem daher, dass Frauen aus sehr konservativen Familien und traditionalistischen Stämmen kommen. Sie wurden nie dazu aufgefordert, sich zu erheben und zu protestieren. Diese Frauen haben das nie gelernt, oft haben sie auch gar nicht so richtig eine Idee davon, was oder wie sie das tun könnten. Das ist ein enormer Unterschied zu der politischen Aktivistin, die oft auch in einem anderen Umfeld aufgewachsen ist: Sie weiß, wie man schreit; sie weiß, wie man kämpft und sich verteidigt – sie hat das gelernt. Die Frau aus der konservativen Familie hat das nicht gelernt, und wird in diesen konservativen Strukturen auch permanent daran gehindert. Das, was sie kann, ist eben kochen, Reinigungsarbeiten machen, die medizinische Versorgung übernehmen, Logistisches organisieren. Wir, die Frauen kommen auf dem al-Tahrir-Platz zusammen, indem wir kooperieren: Die Frauen an der Frontlinie lassen sich von den Frauen im Krankenzelt verarzten; die Frauen, die kochen, versorgen wiederum das Krankenzelt, usf. Das ist eine Kooperation. Auf dem al-Tahrir-Platz gibt es auch zum Beispiel oft solche kleinen Zirkel mit verschiedenen Frauen, auch Männern, und sie denken da in der Runde nicht: „Oh, ich bin an der Frontlinie, sie macht die medizinische Versorgung und diese Frau kocht ja nur.“ Sie kommen dann dort zusammen und eine Frau beginnt ein Lied zu singen und der Rest macht es ihr nach. Also wenn du dir diesen revolutionären Moment auf dem Platz anschaust, dann sieht das alles nach Chaos aus, aber jede trägt ihren Teil durch ihre Arbeit bei. Jede trägt Verantwortung und macht auf ihre Art einen Job in dieser Revolution. Und auf diesem revolutionären Terrain, in dieser Atmosphäre werden solche Unterschiede, auch Klassenunterschiede durchbrochen. Die Leute durchbrechen solche Schranken.

5. Im März ging der hashtag #staythefuckhome beinahe um die ganze Welt. Mit dieser Losung sollte die Ausbreitung des Coronavirus gestoppt werden. Feministische Stimmen kritisierten, dass für Frauen das Zuhause oft ein Ort der Gewalt ist. Wie ist die Situation für Frauen im Irak, wie geht es ihnen unter der Ausgangssperre?

Es gibt einen positiven Effekt: Männer erfahren nun, wie es für Frauen eigentlich ist, die ganze Zeit zu Hause zu sein. Ich weiß, das klingt zynisch, aber so ist es. Ich hatte es vorhin bereits gesagt, dass für viele Frauen die Quarantäne schon lange eine Lebensrealität darstellt, die nicht erst jetzt mit der Pandemie entstanden ist. Frauen werden in konservativen Familien nicht aus dem Haus gelassen, außer aus ganz wichtigen, dringlichen Gründen. Auf ihnen lastet ein enormer Druck und sie tragen sehr viel Verantwortung auf ihren Schultern. Männer erfahren das jetzt unter der Ausgangssperre. Sie verstehen vielleicht den Druck, sie erleben das Leiden der Frauen und ihren Schmerz, denen es seit jeher nicht erlaubt ist, sich frei zu bewegen. Ich denke, das ist nun ein positiver Effekt.

Die negativen Auswirkungen sind so schlimm und viel zu viele, dass ich das gar nicht alles aufzählen kann. Am problematischsten ist offensichtlich, dass der Mann nun 24 Stunden am Tag im Haus ist, und nicht nur nervt und der Frau in ihre Hausarbeiten reinquatscht, sondern natürlich den Druck auf die Frauen auch erhöht, einfach weil er da ist. Nicht wenige Männer zum Beispiel sitzen den ganzen Tag herum und machen gar nichts, helfen nicht bei der Carearbeit. Der soziale Druck auf die Frauen steigt in dieser Situation massiv, besonders für die Frauen, die nicht nur mit ihrem Mann, sondern seiner ganzen Familie zusammenwohnen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn es ist sehr weit verbreitet im Irak, dass in die Familienhäuser hineingeheiratet wird und die Frauen also im Zuge der Ehe mit der ganzen Familie des Ehemanns zusammenziehen. Was in dieser Quarantäne jetzt passiert, ist, dass eine Frau nicht nur mit ihrem Ehemann umgehen muss, nein, sondern auch noch mit seinem Bruder, seinem Vater – der ganzen Familie. Sie muss mit allen Männern der Familie umgehen, sie bedienen, sie aushalten. Wenn ein Ehemann vier Brüder hat, muss die Frau mit mindestens diesen fünf Männern umgehen. Das ist ein unglaublicher Druck und es passiert viel Gewalt. Diese Gewalt kommt dann nämlich nicht nur von dem Ehemann, sondern eben auch von den Brüdern oder dem Vater. Die Gewalt nimmt unter den Bedingungen der Ausgangssperre zu. Kürzlich kam es zu dem furchtbaren Fall von einer Frau, die mit ihrem Mann und ihrer Familie zusammenwohnte und ihr Mann hat sie verbrannt, also getötet, indem er sie verbrannt hat. Das geht hier zur Zeit durch alle Medien; es wird viel diskutiert oder spekuliert, was der Grund dafür war. Was auch immer der verdammte Grund gewesen sein soll, es ist doch wohl klar, dass er es nicht rechtfertigen kann. Das ist einer der Gewaltfälle, die jetzt unter der Ausgangssperre passieren und ich denke, damit hat es auch viel zu tun, dass die Frauen nun mit diesen ganzen Männern zu Hause sein müssen.

Ein anderer wichtiger Punkt betrifft die Familienehre. Weißt du, es gibt hier diese Art Familienehre, bei der über die Frauen verfügt wird, sie unter die Kontrolle der Familie gestellt werden. Einige Frauen, die sich mit Corona infiziert hatten, wurden so von ihren Familien davon abgehalten, ins Krankenhaus zu gehen. Warum? Wegen der Familienehre. Was bedeutet das? Der Grund, warum du deine Schwester oder deine Mutter davon abhältst, sich gegen Corona in einer Klinik behandeln zu lassen – diese Leute sagen: „Wir wissen nicht, was in dem Krankenhaus mit der Frau passiert; vielleicht wird sie sexuell belästigt oder sie wird selbst sexuell aktiv mit jemandem dort.“ Also aufgrund dieser Familienehre bekommen einige Frauen keine Behandlung und manche von ihnen sind jetzt einfach gestorben. Es gibt da noch einen anderen Hintergrund: Der Corona-Virus sieht HIV ähnlich – so meinen manche. Mit Aids in islamischen Gesellschaften ist es so: Wenn du dich ansteckst, bist du in Gefahr und unter einem krassen gesellschaftlichen Druck. Es wird behauptet, dass du dich nicht mit Aids infiziert hättest, wenn du ein guter Mann oder eine gute Frau gewesen wärst. So passiert es nun auch teilweise mit Corona, dass, wenn sich eine Frau infiziert, sie unter den selben Druck, gesellschaftlichen Druck gerät, weil manche Familien denken, dass sie sich nicht infiziert hätte, wäre sie eine gute und ehrenhafte Frau gewesen. Das hängt zusammen mit dieser Gesellschaft und den reaktionären Ideen bzw. Traditionen in den Stämmen.

6. Und was sind die Effekte der Pandemie aus einer Klassenperspektive? Viele Menschen im Irak sind arbeitslos oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen, leben oft von Tag zu Tag, von der Hand in den Mund. Wie ist es um sie nun bestellt?

Sie wählen den Tod angesichts der Pandemie. Was ich damit meine, ist, dass sie lieber arbeiten gehen und sich mit dem Virus infizieren, als zu Hause zu sitzen und zu hungern. Die Pandemie hat noch einmal gezeigt, wie viele das sind im Irak, die Prekären und Arbeitslosen. Und in erster Linie hat die Regierung nichts getan. Oder eher im Gegenteil: Wenn prekäre ArbeiterInnen gegen die Ausgangssperre verstoßen, weil sie einfach arbeiten gehen müssen – um zu überleben –, dann wurden sie nun schon oft von der Regierung mit Geldbußen belegt. Und da sie aber eben einfach arbeiten gehen und demnach die Ausgangssperre brechen müssen, werden sie jetzt mit Strafen überhäuft. Was die Regierung eigentlich tun sollte, ist, sie dafür zu bezahlen, dass sie zu Hause bleiben – eine Art Arbeitslosenversicherung, oder für die prekären ArbeiterInnen sollte die Regierung eine Mindestsicherung für die nächsten vier, fünf Monate zahlen, solange die Ausgangssperre verhängt ist. Sie können nicht zu Hause sitzen und hungern, während ihnen das Geld und die Vorräte immer mehr ausgehen. Besonders für diejenigen, die von Tag zu Tag leben, funktioniert das nicht. Und es gibt zwar solidarische Nachbarschaftshilfen und ich würde sagen, es ist auch üblich in unserer Gesellschaft, dass man sich gegenseitig hilft, auf verschiedene Weise, Essen miteinander teilt usf., aber es gibt natürlich in den Städten entfernte Viertel, außerhalb von Bagdad zum Beispiel, und entferntere Regionen – da kommen die Nachbarschaftshilfen dann wegen der Ausgangssperre gar nicht hin.

7. Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung aus? Dein Genosse Samy hatte uns in einem Interview schon einmal erklärt, dass das irakische Gesundheitssystem eines der schlechtesten der Welt ist. Könntest du das noch einmal genauer beschreiben: Was gibt es für eine Ausrüstung in den Krankenhäusern, wer hat Zugang zu Behandlungen?

So, wie das ganze System im Irak von Korruption durchzogen ist, ist es auch im Gesundheitssektor. Dort besonders. Es gibt einige beschissene Deals zwischen dem Irak und anderen Staaten, China zum Beispiel, die unter diesen korrupten Bedingungen entstanden sind, schlechte Medikamente umfassen und überhaupt nicht an die Vorgaben der WHO heranreichen. Und es gibt so viel Tod im Irak aufgrund dieses schlechten Gesundheitssystems. Eigentlich hat jeder im Irak das Recht auf kostenlose Behandlung und Medikation, aber das ist eine Farce, eine Art Deckmantel: Wir müssen alles in den Krankenhäusern bezahlen, die Medizin, das Equipment. Und in den staatlichen Krankenhäusern werden die private Pharmazieindustrie und Privatkrankenhäuser richtig gepusht. Wenn du zum Beispiel ins staatliche Krankenhaus gehst und du willst irgendeine Medizin, dann werden sie dir dort sagen, du sollst zu irgendeiner Privatapotheke gehen und deine Medizin dort kaufen. Das ist eigentlich Marketing. Oder du gehst zu dem Arzt und willst behandelt werden, dann sagt er dir so etwas wie: „Ich werde die Behandlung in meiner Privatpraxis machen, kommen Sie später dorthin und zahlen Sie selbst.“ Warum macht er es nicht in dem staatlichen Krankenhaus, wo er arbeitet? Damit wird der Privatsektor des ganzen Gesundheitssystems unterstützt. Behandlungen werden dort gemacht, Medizin musst du da kaufen, und wenn du ins staatliche Krankenhaus gehst, schaufeln sie dich zur Seite.

Es ist aber nicht nur das. PatientInnen werden in der Regel sehr schlecht behandelt. Es gibt kein gutes, ausgeprägtes Bewusstsein für Sauberkeit und Sterilisation. In der Regel muss man die Krankenschwestern und Krankenhausarbeiterinnen bezahlen, damit sie den Raum sauber halten oder nach der Patientin sehen. Dann müssen wir denen 10 oder 20 Dollar geben. Diagnosen von Krankheiten werden sehr oft auch falsch gestellt, und nicht selten sterben Leute deswegen. Das liegt vor allem an der schlechten Ausrüstung in den staatlichen Krankenhäusern; es gibt kein modernes Equipment, beispielsweise zum Röntgen oder für medizinische Analysen.

Auch die Ärzte stehen unter ständiger Lebensbedrohung. Die Regierung schützt sie nicht vor den Stämmen. Da ist es so, wenn zum Beispiel ein Arzt einen Fehler macht und ein Patient stirbt – oder wenn der Patient einfach so stirbt, ohne dass jemand einen Fehler gemacht hat, dann passiert es oft, dass sich der entsprechende Stamm rächt und den Arzt umbringt. Sie denken wohl, der Arzt hätte ihren Sohn oder wen auch immer absichtlich sterben lassen. Das hat zur Folge, dass viele Ärzte emigrieren oder ihren Arbeitsplatz oft wechseln müssen. Die Regierung tut dagegen gar nichts.

8. Der Iran ist eines der Länder, der mit fast 100.000 offiziell Infizierten und über 6.000 offiziell Gestorbenen am schlimmsten von der Pandemie betroffen ist. Habt ihr Kontakte zu GenossInnen vor Ort oder wisst, wie die Lage dort ist?

Als allerersten hoffen wir mit den Menschen im Iran, dass alle schnell wieder gesund werden, angesichts dessen, dass es so unglaublich viele Fälle dort gibt. Und wir möchten ihnen sagen, dass es eine historische Solidarität zwischen den Menschen im Irak und im Iran gibt, und sie haben dort all unsere Solidarität und unseren Support, um die Pandemie zu überstehen. Direkte Kontakte zu GenossInnen vor Ort haben wir als Workers against Sectarianism leider nicht – das ist unter den Bedingungen der iranischen Diktatur auch wirklich schwierig herzustellen. Wir haben einige FreundInnen im Iran und Informationen erreichen uns über die geographische Nähe und social media regelmäßig. Uns wurde erzählt, dass das iranische Regime vor allem Gefangene sehr schlecht behandelt. Es wird der COVID19-Virus genutzt, um politische AktivistInnen umzubringen, die inhaftiert sind. Ähnlich wie im Irak hat das Virus das Regime vor dem Kollaps gerettet, da es dort auch eine sehr starke revolutionäre Bewegung gab. Und uns scheint das Regime auch ein ähnliches Spiel der Kontrollausweitung zu spielen. Es ist gut möglich, dass die Maßnahmen gegen die Pandemie eigentlich nur der weiteren Unterdrückung der Bevölkerung dienen – immerhin ist es ein stark konfessionalistisches und rigides Regime. Viele Fälle von Infizierten werden auch nicht behandelt und einfach ohne Versorgung zurückgelassen. Der iranische Staat hat ebenso nicht genügend Geld vom Staatshaushalt abgezogen, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Das ist auch eine Art des Tötens, wenn du Krankenfälle bewusst nicht behandelst, besonders wenn es deine politischen Feinde im Gefängnis sind.

Sarah Quadir ist politische Aktivistin und Mitglied der Workers against Sectarianism. Sie arbeitet in der Pharmaindustrie und lebt in Bagdad.

Weitere Interviews, die in den letzten Monaten mit den Workers against Sectarianism immer wieder geführt wurden, findet ihr hier und hier. Eine Übersetzung ihrer Forderungen zu Beginn der COVID19-Pandemie findet ihr hier.

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