Fever

Die Titanic selbst verwalten?

Rund um die Welt wird inzwischen auf einen Konsens gesetzt, wir sollen alle im selben Boot sitzen: Die Menschheit, die die stürmische See der Pandemie befährt. Wenn das stimmt, dann schwankt das Boot gefährlich und schleudert viele von uns von Bord, wo Tod, Hunger oder Arbeitslosigkeit drohen. Während in der Kapitänskajüte gefeiert wird, meinen die Bosse an Deck, unsere Reihen könnten sich getrost lichten; um die Waren unten im Rumpf zu retten und zu gewährleisten, dass die Ausbeutung mit voller Kraft weitergeht.

Eine Pandemie und eine Wirtschaftskrise wüten weiterhin rund um die Welt. Wir erleben eine Verschärfung der Konflikte um Arbeit und Reproduktion und eine Zunahme von Überwachungstechnologien, die wahrscheinlich nicht mehr verschwinden werden. Obwohl sich die Aussetzung der Normalität überall in unterschiedlicher Form vollzieht, stehen die Arbeiter_innen weltweit vor einem gemeinsamen Problem. FEVER ist ein Versuch, Genoss_innen von überall her zusammenzubringen, Reflexionen über Klassenkämpfe auszutauschen und ein kollektives Verständnis aufzubauen. Als Teil dieses Austausch- und Auseinandersetzungsprozesses haben wir beschlossen, regelmäßig ein Editorial zu schreiben, um die brennenden Fragen dieser Periode der Katastrophe und des Umbruchs zu diskutieren.

In den vergangenen Wochen haben wir Briefe von den Schauplätzen der Pandemie veröffentlicht. Aus Krankenhäusern, in denen die Arbeiter_innen wie Kanonenfutter behandelt werden; von Kämpfen um Einkommen und Sicherheit; von Arbeiter_innen, die arbeitslos und ohne Einkommen sind, und von denen, die sich mit informeller und selbständiger Arbeit durchschlagen und dabei Gefahr laufen, sich anzustecken. Unter den verschiedenen Artikeln, die wir geschrieben haben, haben die interessantesten Diskussionen unter uns solche ausgelöst, die sich um die Frage der Selbstverwaltung der Arbeiter_innen angesichts der Pandemie drehten. Wir haben nicht die Absicht, feste Schlussfolgerungen zu diesem Thema zu ziehen, sondern möchten eine aus unserer Sicht sinnvolle Debatte offenlegen.

In Argentinien, wo in Unternehmen die von Arbeiter_innen geführt werden rund 15.000 Menschen beschäftigt sind, haben selbstverwaltete Fabriken mit der Produktion von medizinischer Grundausrüstung wie Handdesinfektionsmittel, Masken und Krankenhausmobiliar begonnen. Andere besetzte Betriebe haben lokalen Nachbarschaftshilfeorganisationen Platz gemacht. Auf der anderen Seite des Atlantik finden wir eine ähnliche Situation in Frankreich, wo McDonald’s-Arbeiter_innen ihr Fastfood-Restaurant beschlagnahmt und es in ein Zentrum für Lebensmittelspenden und -verteilung umgewandelt haben.

In einem Kontext, in dem es für viele immer schwieriger werden wird ihre Grundbedürfnisse zu sichern, müssen Arbeiter_innen Wege finden über die Runden zu kommen, vor allem an Orten an denen es wenig oder keine staatliche Hilfe gibt. In vielen Fällen führt die Notwendigkeit sich durchzugschlagen zu individualistischen Lösungen und Lobreden auf Durchhaltevermögen und Selbsterhaltung. Es gibt aber Erfahrungen, in denen die Arbeiter_innen einen kollektiveren Weg einschlagen: entweder durch Kooperationsnetzwerke, die Nahrungsmittel und andere Güter verteilen – und sich oft nicht sehr von denen unterscheiden, die von NGOs, Kirchen oder dem Staat selbst organisiert werden – oder durch radikalere Aktionen, wie die Besetzung und Selbstverwaltung von Betrieben. Aber die Fähigkeit des Kapitals, diese Praktiken selbstorganisierter gegenseitiger Hilfe als unbezahlte Arbeit zu absorbieren, ist eine der größten Schwierigkeiten für Proletarier­_innen, die gegen das Kapital ums Überleben kämpfen.

Im Fall von Argentinien Anfang der 2000er Jahre war die Besetzung von Fabriken und anderen Unternehmen das Ergebnis eines Prozesses von Klassenkämpfen. In den meisten Fällen hatten die betreffenden Unternehmen geschlossen und ihre Beschäftigten ohne Bezahlung entlassen, was die Arbeiter_innen veranlasste, sie zu übernehmen um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. In diesen Fällen waren Gerichte in der Lage, das Eigentum der Arbeiter_innen am Unternehmen als eine Form der Vergütung von nicht bezahlten Löhnen anzuerkennen. Von dem Moment an, in dem sie Manager_innen werden, sind die Arbeiter_innnen mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Produktion am Laufen zu halten, und stehen somit vor den gleichen Problemen wie jedes andere Kleinunternehmen. Haben diese Arbeiter_innen zuvor für Überstundenzuschläge oder Lohnerhöhungen kämpfen können, ist es möglich, dass sie nun, in einer selbst geführten Fabrik, mehr Stunden für einen niedrigeren Lohn arbeiten. Das liegt daran, dass sie auch als Kooperative gezwungen sind, den Anforderungen des Marktes zu entsprechen und mit technologischen Innovationen Schritt zu halten, während sie nur wenig Kapital zu investieren haben.

Diese Zusammenhänge werfen bereits eine Reihe von Problemen auf, die eine Überlegung wert sind. Wenn wir selbst geführte Betriebe als Arbeitsstätten wie alle anderen betrachten, können wir untersuchen, welchen Konflikten und Formen der Ausbeutung Arbeiter_innen weiterhin ausgesetzt sind. Aber es scheint, dass die Berichte über Fabriken in Argentinien oder McDonald’s in Marseille auch andere Dilemmata aufwerfen. In diesen Fällen ist die Erfahrung der Selbstverwaltung weitgehend konsolidiert. Neu ist, dass diese Unternehmen im Zusammenhang mit der Pandemie die Produktion oder den Vertrieb von notwendigen Gütern wie Lebensmitteln und medizinischer Ausrüstung aufgenommen haben. Wie sehen wir diese Initiativen, die die vermeintlich allgemeine, nationale Mobilisierung zur Bekämpfung von Covid-19 um zusätzliche Anstrengungen ergänzen? Es gibt Berichte, dass General Motors und andere Automobilhersteller in einer Reihe von Ländern einen Teil ihrer Produktionsanlagen angepasst haben, um Beatmungsgeräte zu bauen. In den USA hat die Gewerkschaft United Auto Workers vorgeschlagen, die Produktion auf dringend benötigte Schutzausrüstungen umzustellen. Abgesehen von den Größenunterschieden dieser Unternehmen, bringt die Art des Managements aus der Sicht des Klassenkampfes echte Unterschiede mit sich? Inwieweit entgehen selbstorganisierte Versuche zur Bekämpfung von Covid-19 den Mechanismen von Elendsverwaltung und Ausbeutung?

Nachdem wir solche Fragen mit unseren Genoss_innen diskutiert haben, scheint eines klar zu sein: In der Isolation, in der Logik der Dringlichkeit gibt es keine richtigen Antworten außer dem Überleben. Aber neben der Frage, wie und was man produzieren soll, fragen viele: Warum überhaupt produzieren? Für die Kapitalist_innen – ob Pandemie oder nicht – ist die Antwort immer dieselbe: für den Profit. Manchmal wird hinzugefügt: „zum Erhalt der Arbeitsplätze“, „für die Nation“ und so weiter. Diese Antworten geben uns eine Liste von Zielen, die es anzugreifen gilt.

Doch bevor wir unsere eigene Antwort auf diese und andere Fragen finden können (Wie können wir leben, anstatt nur zu überleben? Wie können wir füreinander sorgen und dabei nicht nur die Armut verwalten?), gibt es Mauern, die wir niederreißen müssen. Es sind die Betonmauern des Kapitals, die in Nationalfarben gestrichen und auf dem Stahlgerüst des Staates errichtet sind. Und auch wenn wir nicht viele Sicherheiten bieten können, so haben wir doch mindestens zwei: Diese Mauern werden nicht von selbst fallen, und wir werden sie nur dann einreißen können, wenn unser Angriff international ist. FEVER will zu diesem Abriss beitragen, indem es die offensiven Kämpfe der Arbeiter_innenklasse rund um die Welt verbreitet, unterstützt, anregt und Verbindungen zwischen ihnen aufbaut.

Newsletter

Seit die Website online gegangen ist, haben wir verschiedene Arten von Artikeln veröffentlicht.

Unter Berichte versuchen wir, Genoss_innen auf der ganzen Welt über laufende Kämpfe zu informieren. Es geht uns nicht darum, schöne Bilder zu produzieren, und wir vermeiden Effekthascherei. Wir versuchen, den Genoss_innen im Kampf nützliche Informationen zur Verfügung zu stellen, wobei wir so weit wie möglich vermeiden, was der Polizei helfen kann.

Unter Flyer posten die verschiedenen Gruppen von Genoss_innen, die an FEVER beteiligt sind, Flugblätter und Pamphlete um ihre Bemühungen zur Teilnahme an Kämpfen vorzustellen und damit sie anderswo benutzt werden können.

Wir haben auch einige Analysen vorgeschlagen, um zu versuchen, an den kollektiven Versuchen, unsere Situation als Arbeiter_innen zu verstehen, teilzunehmen. Bisher haben wir veröffentlicht:

Eine Reflexion über die Entwicklung der Beziehung zwischen dem argentinischen Staat und der Arbeiter_innenbewegung.

Eine Perspektive auf die Diskussionen innerhalb unserer Klasse in Krisenzeiten.

Eine Analyse und Kritik der staatlichen Reaktionen in der Pandemiekrise, die von Nutzenorientierung geprägt sind. Einige Hypothesen über die Aussichten für die Ausgebeuteten und eine Geschichte, die sich um Origami und Krisenmanagement dreht.

Einige Gedanken zur Situation der informellen Arbeiter­­_innen in Brasilien.

Eine kurze Zusammenfassung der globalen Covid-19-Kämpfe.

Eine Absichtserklärung der Versammlung des Camarade-Raums (Toulouse, Frankreich) zum FEVER-Projekt

Eine Analyse der Wohnungsfrage während der Pandemie.

Alle Artikel auf der Website werden (zumindest) auf Englisch übersetzt, als geteilte Sprache von FEVER.

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