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Aufstand in Surat, Indien – Nur die ersten Pfiffe aus dem Druckkochtopf der Arbeiter_innenrevolte

Von einem Arbeiter in Delhi. Zuerst veröffentlicht auf Kaam se chutti (Die Arbeit lassen)

Am zweiten Tag der landesweiten Ausgangssperren, dem 24. März, kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei in Vadod/Surat, an denen sich mehr als tausend Arbeiter_innen beteiligten. In der Nacht vom 10. April gingen in Laksana/Surat erneut Gruppen von Arbeiter_innenn auf die Straße, beschädigten und zündeten Fahrzeuge an und warfen Steine auf die Polizei, als diese sie festnehmen wollte. Trotz Versuchen von Medien und Nachrichtenmoderator_innen, mit verdrehten Berichten und Lügen Panik zu verbreiten, ließ sich die Tatsache, dass die Arbeiter_innen revoltieren, nicht leugnen. Am nächsten Morgen entsandte die Regierung die Bereitschaftspolizei zur Aufstandsbekämpfung in die Region, etwa 60-70 Personen wurden festgenommen.

In den Medien wird versucht, die Lage anders darzustellen. Das ist zum Scheitern verurteilt, weil die Forderungen der Arbeiter_innen nicht erfüllt werden: Sie protestieren, werfen mit Steinen, legen Brände und brechen auch sonst die Auflagen zur sozialen Distanzierung und die Ausgangssperren. Medial wird den Arbeiter_innen vorgeworfen, sie verstünden den Ernst der Epidemie nicht. Sie werden aufgefordert, in ihren Quartieren zu bleiben, Ruhe zu bewahren und das Essen zu essen, mit denen sie NGOs und die Zivilgesellschaft versorgen. Die Arbeiter_innen dagegen praktizieren soziale Solidarität, nachdem sie nicht in der Lage sind, physische Distanz einzuhalten.

Die Arbeiter_innen  reagieren darauf, dass es kein Abstandhalten gibt. Sie wohnen in eng aneinander angrenzenden Zimmern, benutzen dieselben Küchen, Badezimmer und Wasserhähne und stehen zur Essensausgabe in langen Schlangen. Viele fragen: Wer sind die Leute, die uns darüber belehren, Abstand zu halten? Die Absichten derer, die Essen ausgeben, sind gut, aber das Essen schmeckt nach nichts. Die Unternehmen zahlen weder Löhne für die Arbeit, noch für die Quarantäne. Die Polizei hält die Menschen fest. Millionen von Arbeiter_innen aus Madhya Pradesh, Uttar Pradesh, Bihar, Jharkhand und Odisha arbeiten in den Textil-, Diamanten- und Bauunternehmen von Surat.

Obwohl die Regierung die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränkt, zeigen die Aktionen der Arbeiter_innen, dass die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung und die Ausgangssperren, die der Arbeiter_innenklasse aufgezwungen wurden, nutzlos sind. Sie zeigen, dass die Regierung und die Besitzenden sie an Hunger und Verzweiflung ausgeliefert haben, damit sie nicht an der Krankheit sterben.

Tatsächlich verbirgt sich hinter diesen Ereignissen noch eine andere Tatsache, über die Medien und Expert_innen nicht gerne sprechen. Der Diamantenhandel ist seit langer Zeit am Schwinden. In Zeiten der globalen Rezession sinkt die Nachfrage nach Diamanten und Edelsteinen. Die Diamantenindustrie und die in ihr tätigen Arbeiter_innen wissen das schon seit Langem. Keine Lohnerhöhungen, keine oder niedrige Boni – das sind die Erfahrungen der letzten Jahre. Gleichzeitig ist auch die Nachfrage nach Konfektionskleidung aufgrund der weltweiten Rezession zurückgegangen, womit sich auch die Nachfrage nach Textilien und Garn verringert hat. Die Unternehmen haben Schwierigkeiten, den Arbeiter_innen ihre Löhne und Gehälter auszuzahlen, und halten sich derzeit auch nicht an die Anweisung der Regierung, Lohnzahlungen für die Dauer des Lockdowns fortzusetzen. Dasselbe gilt für das Baugewerbe, das zumindest in den letzten 6 bis 7 Jahren eine massive Rezession erlebt hat. Die Unternehmen sind nicht in der Lage, profitabel zu wirtschaften, können die Kreditraten nicht zurückzahlen, und die Banken gehen in Konkurs.

Nun ist die Corona-Epidemie für Regierungen und Unternehmen zu einem guten Vorwand geworden, den Abschwung zu vertuschen, indem sie:

– Arbeiter_innen daran hindern, sich zu treffen und zu versammeln

– Angst unter den Arbeiter_innen schüren

– die Arbeiter_innen zu Hause sitzen lassen, weit weg von den Fabriken, und

– die Auseinandersetzung mit Unternehmen und Institutionen vermeiden, die ihrer Verantwortung gegenüber den Arbeiter_innen nicht nachkommen.

In dieser Zeit der Rezession haben die Arbeiter_innen bereits verstanden, wie die Regierung und die Wohlhabenden die Pandemie als Vorwand benutzen, um ihre eigenen Schwächen zu verbergen. Auf der einen Seite verweigern Regierungen – Unternehmen – Expert_innen – die Besitzenden dem Rest der Gesellschaft die Solidarität, während auf der anderen Seite die Arbeiter_innen solidarisch handeln, indem sie sich über die Ausgangssperren hinwegsetzen. Man kann die Pandemie nicht einfach zu Hause aussitzen; es müssen bessere Bedingungen für die medizinische Versorgung und Behandlung geschaffen werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter unternehmen große Schritte, um auf solche besseren Bedingungen hinzuwirken.

Andernorts, in Uttar Pradesh, streikten ab 1. April zwei Tage lang fast 19.000 Beschäftigte, die etwa 4.700 Krankenwagen im Einsatz halten, mit der Begründung, sie hätten in den letzten zwei Monaten weder Löhne, noch während der Arbeit Schutzkleidung erhalten. Die UP-Regierung verhandelte mit dem Verbandschef und versicherte, dass die Löhne bald ausbezahlt und Schutzkleidung geliefert werde. Der Rettungsdienst hat inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen. Von Regierungsseite hieß es außerdem, dass es illegal sei, in Notfallsituationen wie dieser zu streiken.

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