Fever

Arbeit und Organisierung an vorderster Front in einem französischen Krankenhaus

Ursprünglich veröffentlicht auf Classe en lutte.

Vor dem Hintergrund der COVID-19-Krise soll dieser Text von Erfahrungen aus dem Krankenhausalltag berichten. Obwohl sich die Bedingungen unter denen wir unsere Arbeit ausüben täglich verändern, gibt es dennoch einige Schlüsselelemente die eine eingehendere Betrachtung verdienen – weil sie dazu beitragen, die Auswirkungen von Kapitalismus und Klassenausbeutung auf die Gesundheitsberufe zu beleuchten.

Eine kleine Klarstellung: Das Krankenhaus, von dem wir sprechen, ist kein Krankenhaus, das als COVID-19-Krankenhaus ausgewiesen wurde, und daher sollte man nicht davon ausgehen, dass wir viele COVID-19-Patient_innen aufnehmen. Stattdessen nehmen wir Nicht-COVID-19-Patient_innen aus anderen Abteilungen auf (da jedoch keine Tests durchgeführt werden, bleibt ihr Nicht-Infektionsstatus hypothetisch).

Klassenkampf im Krankenhaus

Die Situation aus der Perspektive des Klassenkampfs zu lesen, macht nach wie vor Sinn und trägt auch zu einiger Klärung bei. Im Gesundheitssystem herrscht das Diktat bürgerlicher Hierarchie: An der Spitze steht die Leitung des Krankenhauses, dann kommen die Ärzte und Ärztinnen und schließlich das Pflege- und Wartungspersonal.

Das Rederecht folgt der gleichen Hierarchie, was in einer als „Krise“ bezeichneten Situation umso sichtbarer wird. Obwohl Krankenschwestern und andere Pflegekräfte sehr oft am besten in der Lage sind, die Schwierigkeiten und Bedürfnisse in den einzelnen Abteilungen zu benennen, wurden ihre Meinungen in allen Sitzungen, die wir während der COVID-19-Pandemie abgehalten haben, zurückgewiesen. Sobald wir Pflegerinnen und Pfleger konkrete Fragen stellen, wischt das Management die Frage (auf die sie wahrscheinlich keine Antwort haben) weg und behandelt sie stattdessen als eine Angelegenheit persönlicher Befindlichkeiten: „Sie haben nur Angst vor dem Unbekannten“, „das ist nur die Manifestation Ihrer Angst“ usw. Es ist, als ob das Fehlen von Behandlungsprotokollen zu diesem Zeitpunkt nur eine Frage des persönlichen Gemütszustands ist und nicht etwas, über das wir nachdenken und auf das wir uns vorbereiten müssen, auch wenn wir das Glück haben, mehr Zeit als viele andere zu haben – wir sind kein COVID-19-zertifiziertes Krankenhaus.

Abgesehen von dieser Weigerung, den Beiträgen des Pflegepersonals zuzuhören (und manchmal auch deren völliger Disqualifizierung), gibt es auch die Zurückhaltung von Informationen. Sie werden stückchenweise zur Verfügung gestellt und zunächst in den höheren Sphären von Management und Ärzteschaft verbreitet, bevor sie angepasst und sparsam in anderen Abteilungen ankommen. Die Begründung dafür erfolgt in Form eines Todschlag-Arguments des Pflegedirektors, dass „die Teams nicht alle Details kennen müssen; sie müssen etwas Positives zu hören kriegen“.

Der Klassenkampf spielt sich auch auf der Ebene der materiellen Existenzbedingungen ab. Zum Beispiel: In Ermangelung von Schutzmaßnahmen obliegt es den Arbeiter_innen selbst, ihre (bei der Arbeit getragene) Straßenkleidung zu waschen. Diejenigen, die eine Waschmaschine besitzen, haben daher weniger Schwierigkeiten. Dies ist nur ein Beispiel unter anderen.

Schließlich wird die Entscheidung, von zu Hause aus zu arbeiten, manchmal selbst getroffen, manchmal aber auch von der Leitung aufgezwungen. Das Management hat durch die von der Regierung durchgesetzten Dekrete immer mehr Macht erlangt; die haben ein einziges Ziel: den Arbeitgeber_innen die Ausbeutung der Beschäftigten zu erleichtern.

Der Klassenkampf betrifft natürlich auch die Patient_innen. Die Bevölkerung wird heute in die prekärsten Lebensbedingungen im Kapitalismus gezwungen, ohne Wohnung und/oder Einkommen für Nahrung. Wir müssen uns jetzt mit einer noch schwierigeren Situation auseinandersetzen, da viele Hilfsorganisationen und Notunterkünfte geschlossen wurden. In unserem Krankenhaus wird derzeit die Schließung des Substitutionstherapiezentrums diskutiert. Dies würde den Patient_innen den Zugang zur Versorgung verwehren, da das medizinische Personal sie nicht mehr wie gewohnt empfangen kann. Bis auf weiteres wurden Termine mit Psycholog_innen und Sozialarbeiter_innen abgesagt, da es keine sicheren Räumlichkeiten gibt, um die Patient_innen ohne Ansteckungsgefahr zu empfangen.

Mangelnde Organisation

Auffällig ist außerdem ist die unzureichende Organisation des Managements angesichts der Krise. Wir haben zwar das Glück, dass wir kostbare zusätzliche Zeit haben, um die Versorgung der Patient_innen zu organisieren, aber die Leitung scheint das nicht hören zu wollen. Bis heute haben wir für die COVID-19-Situation noch immer kein Pflegeprotokoll und keinen Standard-Versorgungsplan.

Während mehrere Pflegekräfte darauf hingewiesen haben, dass das Universitätskrankenhaus nicht in der Lage sein wird, all das zu bewältigen, und dass wir höchstwahrscheinlich mit COVID-19-Fällen konfrontiert sein werden, antwortet das Management nur mit „ja, das werden wir“, offensichtlich ohne sich um das Personal zu kümmern, das dann zu gegebener Zeit improvisieren muss.

Es ist wichtig zu wissen, dass das Management sich mit engen Verbündeten umgeben und eine Solidarität der bürgerlichen Klasse geschaffen hat, die es ihm erlaubt, sich auf ein Team zu verlassen, das seine Entscheidungen nicht in Frage stellen wird. Dieses Team zögert nicht, seine Geringschätzung für die Arbeiter_innen zum Ausdruck zu bringen, während es gleichzeitig versucht, die Verantwortung abzuwälzen, wenn es um seine eigenen Aufgaben geht. Dafür gibt es zwei recht aufschlussreiche Beispiele. Der Behandlungsleiter weiß nach einem Jahr in dieser Position immer noch nicht, wo sich die Tagesklinik befindet. Er möchte außerdem am Eingang – dort, wo die Krankenwagen durchfahren – ein Zelt für die Sortierung der Patient_innen aufstellen. Neben der Verachtung des Personals bringt die Leitungsebene also die Pfleger_innen aufgrund ihrer eigenen Inkompetenz in eine gefährliche und schwierige Lage.

Das geplante Verschwinden der öffentlichen Krankenhäuser

Es wird nicht überraschen, dass das Krankenhaus seit mehreren Jahren unter dem Mangel an finanziellen Investitionen leidet, die für eine qualitativ hochwertige Versorgung und einen wirklichen Schutz der Arbeiter_innen im Dienst erforderlich sind.

Dies zeigt sich heute zum Beispiel am Mangel an Schutzausrüstung. Es fehlt an Masken.

Obwohl etwa 500 Mitarbeiter_innen vor Ort sind, hat uns die regionale Gesundheitsagentur nur 150 Masken geschickt. Wir brauchen auch Handschuhe, Körperschutz und sogar Überziehschuhe, denn auch sie sind ein Kontaminationsvektor. Bis heute wurde das Personal nicht im An- und Auskleiden geschult, obwohl das eine Situation mit hohem Kontaminationsrisiko ist.

Auf der materiellen Ebene gibt es, was uns betrifft, auch das Fehlen einer Intensivstation, die vor 6 Jahren geschlossen wurde, um Geld zu sparen. Dem Personal fehlen auch eine Mobile Care Unit und eine Mobile Protection Unit, zwei tragbare Pflegesets, die alles enthalten, was zur Pflege oder zum Schutz notwendig ist, z.B. Kittel, Handschuhe, Masken.

Der Mangel an Masken betrifft auch die prekärsten Berufe, insbesondere das Wartungs- und Reinigungspersonal. Während das Pflegepersonal alle 8 Stunden die Maske wechseln darf, darf das Wartungspersonal nur eine Maske pro Tag benutzen, obwohl die Masken normalerweise nur 4 Stunden lang funktionstüchtig sind. Dazu kommt, dass die ganze Instandhaltung privatisiert wurde und nun von einem Unternehmen geleitet wird, das den Kolleg_innen einen extrem schwierigen täglichen Arbeitsrhythmus auferlegt, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sie angemessen zu schützen. Infolgedessen sind diejenigen, die das Krankenhaus instand halten, während der aktuellen Pandemie einem hohen Expositionsrisiko ausgesetzt.

Vor allem fehlen uns Tests, ohne die es in der Tat unmöglich ist, die von uns eingerichteten Standard-Protokolle einzuhalten, da die Symptome recht spät auftreten können.

Und schließlich sind die Arbeiter_innen auch in anderen wichtigen Fragen nicht geschult worden, so im Umgang mit verstorbenen COVID-19-Patient_innen.

Der Mangel an angemessener Schutzausrüstung bringt nicht nur das Personal in Gefahr, sondern auch die Patient_innen, insbesondere Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer Therapieform und medizinischen Pathologie gefährdet sind.

Solidarität

Um nicht nur über die schlechten Arbeitsbedingungen im Krankenhaus zu berichten, sollten wir auch erwähnen, dass die Pflegerinnen und Pfleger, um mit der Inkompetenz des Managements fertig zu werden, sich über Abteilungen hinweg organisieren, miteinander diskutieren und sich anrufen, um die Probleme der anderen zu erfahren und Ratschläge auszutauschen. Das Wissen, das da zusammengetragen wird, ist wertvoll, ebenso wie die Bindungen, die entstehen. Das Krankenhaus kommt deshalb über die Runden, während Kapitalismus, Staat und Ausbeutung die Gegner bleiben, die wir besiegen müssen.

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