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Krise, Risse und Kantinen-Marxismus – Für eine kommunistische Debatte in der ArbeiterInnenklasse

Ursprünglich erschienen bei den Angry Workers of the World

Ich erinnere mich an verschiedene Momente in den letzten zehn Jahren, in denen die alltäglichen Gespräche am Arbeitsplatz oder an der Bushaltestelle oder wo immer man sich mit KollegInnen aufhält, über das Übliche hinausgingen. Momente der Krise schaffen Risse, in denen sich deine sonst scheinbar abgekapselten politischen Gedanken und Kreise, deine Marx-Lesegruppen oder ähnliches, und der Alltag gegenseitig berühren. Berauschende Momente. Die verschiedenen Krisen des letzten Jahrzehnts haben bereits einige der Mythen, mit denen sich das gegenwärtige System schützt, enttarnt.

Ich erinnere mich an meine Arbeit als Müllmann in Hackney, als die Krise von 2008/09 richtig einsetzte. Diese Krise öffnete vielen die Augen über den globalen Charakter (vor allem) des Finanzsystems und die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse im Land und sogar über die Unterschiede innerhalb der ArbeiterInnenklasse. Das Geldsystem wurde durch eklatante Widersprüche wie die Zunahme von Obdachlosigkeit und leeren Wohnungen weiter in Frage gestellt. Ich erinnere mich, dass es bei den Diskussionen im LKW damals noch hauptsächlich um die gerechte oder ungerechte Verteilung von Geld ging. Die Besetzung der Visteon-Autofabrik oben in Enfield war nur ein kleiner Einblick in das, was die Arbeiterinnen und Arbeiter außer Zuschauen noch so konnten.

Als die Brexit- (und „Flüchtlings-„) Krise ausbrach, arbeitete ich in einer Fabrik für 3D-Drucker in Park Royal. Das erste, worüber wir diskutierten, war die Tatsache, dass die Politiker und die Regierung die Kontrolle über die Dinge zu verlieren schienen und nicht in der Lage waren, das System nach dessen eigenem Interesse zu betreiben. Dann machte der Brexit deutlich, wie die britische Wirtschaft nicht nur finanziell in den Weltmarkt integriert ist, sondern auch durch Handel und Migration. Wir diskutierten, warum Dinge an verschiedenen Orten auf der Welt hergestellt werden, während wir Teile aus der ganzen Welt zusammenbauten.

Ich hatte gerade begonnen, für Tesco zu fahren, als sich der Brand im Grenfell-Tower ereignete. Sofort kamen Diskussionen über die systemische Natur von „Unfällen“ und ihre offensichtliche Klassendimension auf. Ebenso wie über die Beziehung zwischen Rassismus und Klasse. Als KollegInnen merkten, dass die Politik der Austerität nicht nur für den Unfall verantwortlich, sondern zudem nicht willens oder nicht in der Lage war, den Menschen vor Ort zu helfen, begannen einige von ihnen, Spenden unter den 1.400 Mitarbeitern zu sammeln. Allerdings wurde diese Initiative schnell von der offiziellen Kampagne „Tesco Community Champion“ vereinnahmt.

Wenn wir mit unserem Tesco-Lieferwagen im Stau steckten, weil AktivistInnen von Extinction Rebellion Straßen im Zentrum Londons blockierten, um gegen den Klimawandel zu protestieren, löste das alle möglichen Reaktionen aus. Es eröffnete einige Räume, um darüber zu sprechen, warum und wie bestimmte Dinge produziert werden. Aber es ist die aktuelle Corona-Krise, die dem „So ist es nun einmal“ des Systems eine weitere Schicht seiner Panzerung genommen hat. Führte der Crash von 2008 zur Infragestellung der Geldverteilung und der Brexit zur Infragestellung der Struktur des Welthandels, so fangen die Menschen unter dem Corona-Regime an, über weiterreichende Fragen zu sprechen: Wer arbeitet was, wie und warum?

Das „Entmystifizierungs“-Potenzial dieser Krise geht tief. Die Menschen sehen, dass der Staat zwischen dem Nicht-Reagieren-Wollen aufgrund von Geschäftsinteressen und dem Nicht-Reagieren-Können aufgrund der kaputt gesparten Infrastruktur gefangen ist. Die ArbeiterInnen erkennen, dass es in vielen Fällen an ihnen selbst liegt, sich gegenseitig zu schützen – zum Beispiel durch die Einstellung nicht notwendiger Produktion.

Die Menschen sehen jetzt, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung den Rest der Gesellschaft als so genannte „unentbehrlichen ArbeiterInnen“ am Leben erhält. Außerdem können sie sehen, dass sich in der Idee der „unentbehrlichen Arbeiten“ zwei verschiedene Klasseninteressen gegenüberstehen. Sie können sehen, dass der Staat versucht, die Verherrlichung dieser ArbeiterInnen gegen diese selbst einzusetzen, indem er beispielsweise gesetzliche Änderungen durchsetzt, um sie länger arbeiten zu lassen (wie in Frankreich) oder ihr Streikrecht einzuschränken (wie in Spanien). Aber die Realität dieser „unentbehrlichen Arbeiten“ macht auch deutlich, dass wir alle, wenn diese notwendige Arbeit gleichmäßig verteilt und besser organisiert wäre, zwei statt zehn Stunden pro Tag arbeiten könnten und es uns gut gehen würde. Eine weitere Reaktion des Staates, wie die plötzlichen massiven Ausgaben und der Schuldenerlass von 13 Milliarden Pfund für den NHS [National Health Service], unterstreicht eklatant den politischen Charakter eines Jahrzehnts der Sparmaßnahmen, das in Großbritannien über 100.000 Menschen das Leben kostete. Geld als Maß für den gesellschaftlichen Reichtum erscheint zunehmend absurd. Der kapitalistische Verfall scheint in der Tat eine Verhinderung des Kommunismus zu sein.

Diese Momente eröffnen neue Räume, um über die Gesellschaft, in der wir leben, und über die Potenziale für eine bessere Gesellschaft zu diskutieren. Dies geschieht oft auf individueller Ebene, aber es eröffnet auch Raum für eine breitere kollektive Debatte. In Großbritannien neigt die Linke dazu, schnelle und hilflose Notmaßnahmen des Staates zu unterstützen, die die bestehenden Risse überdecken sollen. Wir können uns nicht auf die Tatsache verlassen, dass „danach alles anders sein wird“. Stattdessen sollten wir versuchen, zwei Elemente der kommunistischen ArbeiterInnenbewegung neu zu kombinieren: einerseits materielle gegenseitige Hilfe und Organisation für den Kampf, zum Beispiel in Form von Solidaritätsnetzwerken, und andererseits Beiträge zur Debatte innerhalb der Klasse, wie in lokalen Arbeiterzeitungen. Für all dies brauchen wir eine neue Sprache, die nur entstehen kann, wenn wir über beides verfügen: Wurzeln in der ArbeiterInnenklasse und kollektive politische Debatten.

GenossInnen, die ähnlich denken, insbesondere jetzt nach dem Ausgang der Labour-Kandidatenwahlen, empfehlen wir die Lektüre unseres neuen Buches, in dem wir über bescheidene Bemühungen von Klassenorganisierung in West-London nachdenken, und die Teilnahme an einem der kommenden Zoom-Chats zum Thema „lokale Organisierung“: angryworkersworld@gmail.com

Diese deutsche Übersetzung wurde zuerst veröffentlicht auf Solidarisch gegen Corona

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