Fever

Gesundheit in Zeiten von COVID-19: Perspektive aus Italien

Artikel von einer Krankenschwester in der Emilia Romagna

Fragen von Krankenschwestern

Wie können wir arbeiten mit nur einem freien Tag pro Woche?

Wie können wir arbeiten ohne angemessenen Schutz?

Wie können wir arbeiten, wenn wir nicht wissen, ob wir das Virus haben, und damit das Risiko eingehen, Patient_innen und unsere Familien anzustecken?

Wie können wir arbeiten in Krankenhausgebäuden, die für den Covid-19-Notfall nicht ausgestattet sind?

Wie können wir arbeiten ohne eine angemessene Administration der ankommenden Patient_innen?

Wie können wir arbeiten, wenn wir wissen, dass nur einige wenige Tests durchgeführt werden, weil sie zu teuer sind?

Wie können wir arbeiten mit dem Wissen, dass die persönliche Schutzausrüstung, die wir verwenden, begrenzt ist (und dass unsere Kolleg_innen keine haben, wenn wir “zu viel” davon verwenden)?

Wie können wir arbeiten, wenn wir ständig Angst haben müssen, dass wir uns durch eine falsche Bewegung einer Infektion aussetzen?

Wie können wir arbeiten, wenn wir wissen, dass sich zwei Krankenschwestern wegen der durch das Coronavirus verursachten emotionalen und psychologischen Belastung das Leben genommen haben?

Wie können wir arbeiten mit ständig wechselnden Anweisungen?

Wie können wir arbeiten ohne psychologische Unterstützung?

Wie können wir arbeiten mit der Gewissheit, dass sich nach diesem Notfall nichts an unserem öffentlichen Gesundheitssystem ändern wird?

Wie können wir arbeiten ohne professionelle Würde und Anerkennung?

Wie können wir arbeiten, wenn wir hören, dass wir Helden genannt werden, obwohl es so wenig heldenhaftes an dem gibt, was wir tun?

Das sind die Fragen, mit denen sich Ärzt_innen, Krankenschwestern, Gesundheitshelfer, Techniker_innen und Hilfskräfte auf ihrem Weg zur Arbeit täglich beschäftigen.

Für diese Berufsgruppen hat es nie eine Pause gegeben, und es wird auch keine geben. Weitermachen und danach weitermachen. Kämpfen und danach weiterkämpfen. Die Regierung ruft uns dazu auf, uns anzustrengen. Eine Anstrengung, um den Krieg gegen das Coronavirus zu gewinnen und alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber diese Normalität, von der so oft die Rede ist, ist alles andere als idyllisch für diejenigen, die jetzt in Krankenhäusern, Kliniken und Pflegeheimen an vorderster Front stehen. Es ist merkwürdig, wenn man bedenkt, dass die Regierung zusammen mit Präsident Conte zwischen einer Pressekonferenz um 23 Uhr und einer Runde Applaus von den Balkonen des Landes erst in diesem Moment der Not erkannt hat, wie lebenswichtig ein anständiges Gesundheitssystem ist.

Wirklich anstrengen sollten sich die, die schon immer spekuliert und vom Gesundheitssystem profitiert haben, die schlechte Entscheidungen getroffen haben die sich auf unser Leben auswirken, und die dann an den “gesunden Menschenverstand” derjenigen appellieren, die in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen arbeiten. Was für eine Überraschung: Nach Jahren schlechter Reformen und rücksichtsloser Kürzungen ist die einzige Ressource, die Italien hat, um sich vor dem Coronavirus zu retten, das öffentliche Gesundheitssystem. Und diejenigen, die im öffentlichen Gesundheitswesen arbeiten, sind keine Leute, die einen Schritt zurücktreten; man kann keinen Schritt zurücktreten, wenn es um die Gesundheit der Menschen geht (man könnte es nicht einmal, wenn man es wollte, so schlecht sind die Arbeitsbedingungen). Die Schichten werden also stündlich länger, natürlich werden die Überstunden nicht bezahlt. Einige Krankenschwestern schlafen in Pflegeheimen, um die Möglichkeit einer Infektion zu verringern und ältere Menschen zu schützen, andere geben einen Teil ihres Gehalts für den Kauf besserer Masken aus. Das geschieht jeden Tag.

Deshalb fehlt jeder Enthusiasmus, wieder zur Normalität zurückzukehren. Eine Normalität von Hungerlöhnen (Gesundheitshelferinnen und -helfer erhalten 3 Euro pro Stunde), anstrengenden Schichten, geringer beruflicher Anerkennung und einem gravierenden Mangel an Ressourcen. Aber diejenigen, die auf den Stationen arbeiten, kennen diese Dinge nur zu gut. Dennoch wird diesen Menschen Unmögliches abverlangt: stundenlange Arbeit, mit Schichten, die viel länger als normal sind, kalter Schweiß wegen der Angst vor Infektionen, und heißer Schweiß, weil es harte Arbeit ist, sich zu bewegen und den Patient_innen im “Taucheranzug” (Kittel, Maske, Mütze, Handschuhe, Brille) zu helfen. Und es ist klar, dass Krankenschwestern jetzt schwitzen: Du kannst keinen Schritt zurücktreten, wenn du eine Intensivstation voller Patient_innen an Beatmungsgeräten hast. Aber mit dem Schweiß und der Müdigkeit sammeln sich auch Ärger und Unzufriedenheit an. Präsident Conte kann also versichert sein, dass all diese Mitarbeiter sich anstrengen (das haben sie immer getan!). Aber wo bleibt die Anstrengung der Institutionen? Wo sind die Masken? Wo sind die Tests für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen? Aber vor allem: Was wird übrig bleiben, wenn dieser Notfall vorbei ist? Wenn das vielbeschworene Heldentum vorbei ist und wir wieder in den Alltag zurückkehren, was wird dann aus den Arbeiter_innen, die an vorderster Front gegen das Virus gekämpft haben?

Nicht Beifall braucht das öffentliche Gesundheitssystem, sondern konkrete Gewissheiten, radikale Veränderungen und vor allem Investitionen von Institutionen, die in den letzten Wochen so oft die Bedeutung der öffentlichen Dienste gefeiert haben. Das italienische Gesundheitssystem sei eines der besten der Welt, wird gesagt. Vielleicht war es das einmal. Ich glaube nicht, dass die Arbeiter_innen, die heute in den Krankenhäusern arbeiten, diese Ansicht teilen. Können wir ernsthafft sagen, dass unser System besser ist, wo doch die italienischen Krankenschwestern die niedrigsten Gehälter in Europa haben?

Jetzt sind die Arbeiter_innen im Gesundheitswesen damit beschäftigt, Menschen zu behandeln und zu pflegen. Aber sie warten ungeduldig auf das Ende dieser Notlage, um zu sehen, was passieren wird. Um zu sehen, dass all dies nicht wie eine Einwegmaske behandelt wird, die weggeworfen wird, sobald sie ihren Zweck erfüllt hat.

Zuerst veröffentlicht in Italienisch auf Commonware.

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